Frühjarslorcheln im Spätsommer?

Ingo, (vor 4424 Tagen)

Hallo Forum,

im Vergleich zu Gegenden in den Deutschen Mittelgebirgen bzw. südlich davon sah es in den vergangenen Wochen im Nordosten
der Republik ziemlich mau aus mit dem Pilzaufkommen. Im Prinzip gab es seit Anfang Juli kaum einen Tag, an dem nicht
irgendeine Waldbrandwarnstufe Eingangs der Pilzwälder zur Vorsicht mahnte oder gar das Betreten Selbiger verbat.
Trotzdem waren die Böden zu keiner Zeit extrem ausgetrocknet oder Mycelien geschädigt. So bedurfte es nur einiger kühler Nächte,
mehr oder weniger wolkenverhangener Himmel und gut 50 mm Niederschlag über den August verteilt, dass auch in unseren
Kiefernwäldern ein paar Pilze dem Licht entgegen eilten. Im Prinzip war es aber nur ein unspektakuläres Sommerprogramm,
was hier und da zu besichtigen war. Einige verstreute Pfifferlinge, die üblichen Sommertäublinge (vesca, paludosa, decolorans etc.)
und eine Handvoll Perlpilze. Immerhin!

Am vergangenen Wochenende staunte ich aber nicht schlecht, als ich eine ordinäre Frühjahrslorchel entdeckt zu haben meinte.
Zumindest von oben sahen die Pilze ziemlich genau so aus. Bei näherer Betrachtung erwiesen sich die Lorcheln
allerdings als ziemlich stillos.

[image]

Anfangs hatte ich schon einige Bedenken ob der Bestimmung. So konnte ich mich nicht erinnern, solche Pilze schon einmal
irgendwo gesehen zu haben. Weder in Natura, noch in den einschlägigen Pilzforen dieser Welt. Zu Glück habe ich für solcherart
Notfall immer das gut gefüllte Bücherregal mit der mykologischen Literatur zu Hause stehen. Dort gibt es zum Beispiel,
gleich ganz links, die Pilze der Schweiz - Band 1. Und siehe da - auf Seite 64, Tafel 32 wurde ich fündig!
Rhizina undulata - die Wurzellorchel sollte es also sein. Vorkommen von Mai bis Oktober in Nadelwäldern,
unter Anderem auf moosbedeckten Böden. Gerne auch auf alten Brandstellen. In gewissen Jahren häufig.
Nun denn. Dafür, dass ich die Teile nun zum ersten Mal fand, finde ich letzteren Hinweis eher sinnfrei.
Möglicherweise ist die Wurzellorchel ja in südlichen Gefilden häufiger. Vielleicht kann mir ja Jemand ein paar
aktuelle Hinweise zur Verbreitung der Art, nördlich der Mittelgebirge geben. Die Pilze standen übrigens nicht auf einer
alten Brandstelle sondern mitten auf einem sonnenbeschienenen, moosigen Stück Lichtung inmitten von Kiefern.
Auf Kiefernwurzeln, lorchellike wie Gyromitra esculenta, nur eben vier Monate später!

Grüßlis Ingo

Re: Frühjarslorcheln im Spätsommer?

HARZPILZCHEN, (vor 4424 Tagen) @ Ingo

Moin Ingo

ich habe die Wurzellorchel erst einmal gesehen, und zwar 2013 bei Graal Müritz (Ostsee) LG Harzi

Re: Frühjarslorcheln im Spätsommer?

Peter S., (vor 4424 Tagen) @ HARZPILZCHEN

ich habe die Wurzellorchel erst einmal gesehen, und zwar 2013 bei Graal
Müritz (Ostsee) LG Harzi

Hartmut, das war im Darßer Urwald, und zwar genau an der Stelle, die Abbildung 1 unseres Artikels in der aktuellen ZfM zeigt (falls Du die schon hast). Dort stand eine alte verkohlte Kiefer (Blitzeinschlag) und dort am Boden fanden wir das Exemplar.

Re: Frühjarslorcheln im Spätsommer?

Peter S., (vor 4424 Tagen) @ Ingo

Hallo Ingo,

die Wurzellorchel muss es in früheren Zeiten z. T. sogar massenweise gegeben haben, denn sie ist als Parasit, der ganze Kiefernschonungen ausrotten kann, aus der Forstwirtschaftsliteratur bekannt. So hatte ich das mal gelesen, als ich die zum ersten Mal gefunden hatte. Mein erster Fund war so ein Massenvorkommen. Wir machten in den Masuren Urlaub und in den weiten Wäldern begegnete mir der mir bis dahin ubekannte Pilz nahezu auf Schritt und Tritt. Ich sprach da mit Waldarbeitern und die erzählten mir, dass sie mit dem Pilz dort in der Waldwirtschaft ständig zu tun haben. Der Pilz bevorzugt Kahlflächen und ist ein Brandrodungsnachfolger. Mglw. ist er, da es solche Rodungen ja bei uns nicht mehr gibt, deshalb so stark zurückgegangen.

Wäre Mal ein interessantes Thema für Forschungsarbeiten in älterer Waldwirtschaftsliteratur.

Beste Grüße - Peter

Re: Frühjarslorcheln im Spätsommer?

Heinz Ebert ⌂, (vor 4424 Tagen) @ Peter S.

Hallo alle,

ich habe R.u. schon oft gesehen, aber immer nur auf Brandflächen. Da nun aber - zumindest in RP - in den Wäldern nichts mehr verbrannt wird, ist sie wie viele andere carbophile Arten selten geworden. Ich habe das schon mit lokalen Förstern besprochen, aber die scheinen die Weisung "von oben" zu haben, nach Arbeiten im Wald alles liegen zu lassen und nichts mehr zu verbrennen.
Beste Grüße, Heinz Ebert

Hallo Ingo,
die Wurzellorchel muss es in früheren Zeiten z. T. sogar massenweise gegeben
haben, denn sie ist als Parasit, der ganze Kiefernschonungen ausrotten
kann, aus der Forstwirtschaftsliteratur bekannt. So hatte ich das mal
gelesen, als ich die zum ersten Mal gefunden hatte. Mein erster Fund war
so ein Massenvorkommen. Wir machten in den Masuren Urlaub und in den
weiten Wäldern begegnete mir der mir bis dahin ubekannte Pilz nahezu auf
Schritt und Tritt. Ich sprach da mit Waldarbeitern und die erzählten mir,
dass sie mit dem Pilz dort in der Waldwirtschaft ständig zu tun haben. Der
Pilz bevorzugt Kahlflächen und ist ein Brandrodungsnachfolger. Mglw. ist
er, da es solche Rodungen ja bei uns nicht mehr gibt, deshalb so stark
zurückgegangen.
Wäre Mal ein interessantes Thema für Forschungsarbeiten in älterer
Waldwirtschaftsliteratur.
Beste Grüße - Peter

Re: Frühjarslorcheln im Spätsommer?

Ingo, (vor 4423 Tagen) @ Ingo

Danke für eure Meldungen. Anscheinend können diese Kiefernmörder auch ohne
Brandrodung fruktizieren. Nach den vergangenen Wochen kein Wunder. Ich nehme mal
an, das durch Sonneneinstrahlung in den oberen 5 Zentimetern locker über 40°C
erreicht werden können. Zumindest bis Ende Juli.

Güßlis Ingo